Über das Reisen

Reisen, so wie ich es verstehe, ist Unterwegssein über nicht vorgebahnte und abgesicherte Pfade, über die Grenzen des Bekannten hinaus. Die Auseinandersetzung mit dem Unbekannten ist dabei unausweichlich. Der wahre Reisende und wahre Abenteurer weiß nicht, was er erleben wird. Reisen führt Kopf und Körper zusammen, lässt Verstand und Sinnlichkeit verschmelzen.

Wer nie sein Land verlassen hat, ist voller Vorurteile – gegenüber sich selbst und seiner Umwelt. Reisen öffnet den Weg zur eigenen Seele und in die Herzen der Umwelt. Die Seele ist wie ein Windsegel: Es fängt den Wind der Reise ein und transformiert ihn in Bewegung. Es gibt Dinge in uns, von denen wir nichts ahnen und die im Unterwegssein ins Bewusstsein driften. Reisen ist die Hoffnung auf etwas zu treffen, das dem eigenen Dasein neue Impulse gibt. Ein Flügelschlag der Seele, der das Ich entstaubt.

Reisen ist die Projektionsfläche für Sehnsüchte. Dort, in der Fremde bin ich anderes als hier – irgendwie wahrer und eigentlicher. Dort darf ich sein, wer ich bin – ungekünstelt und echt – weg vom Rollenspiel zu Hause.

Reisen ist die Triebkraft für Veränderung. Es kommt zur Vermittlung unterschiedlicher Positionen in mir und zu meiner Umwelt. Jede Reise beginnt schon mit dem Packen. Dinge werden ausgewählt, die wir in der Fremde brauchen, die in der Ferne unseren Körper kleiden und den Leib pflegen und die wir zu Hause nicht beachten.

In der Ferne gewinnt die Heimat neue Bedeutung. Erst in der Ferne kann der Reisende ermessen, welche Schätze die Heimat ihm bietet. Heimat ist immer auch der Versuch, ein wenig die Kindheit zurückzuholen.

In der Begegnung mit fremden Kulturen wächst der Mensch über seine Einengungen hinaus. Reisen ist ein gestalterischer Prozess. Er macht neugierig auf das Andere, verständnisvoll für das Andersartige, ohne die eigene Identität zu verlieren.

Reisen, fernab von Luxusressorts und all-inclusive camps, gleichsam auf Augenhöhe mit der einheimischen Bevölkerung, ist gleichermaßen Persönlichkeits- und Herzensbildung. Seit jeher ist der Mensch bemüht, die Grenzen seines Ichs zu verschieben. Nirgendwo kann dies besser geschehen, als im Reisen und in der Heimkehr.

 

„Die Kenntnis über andere Kulturen sollte uns darin bestärken,
unsere eigene häufiger zu hinterfragen und inniglicher zu lieben“.

(Margaret Mead, 1901–1978, US-Ethnologin)

 

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