Patagonien

ca_patagonien_99Nirgendwo ist die Natur rauer und zugleich verschwenderischer als in Patagonien. Ein Sternenmeer am Himmel, Steinwüsten, Gräsergewirr und Sand in den endlos scheinenden Steppen lassen den Menschen darin unendlich klein und bedeutungslos erscheinen. In einer sich selbst überlassenen Natur präsentiert sich dieser Teil Südamerikas als ein wildes, karges und zugleich wunderschönes Stück Erde.

Patagonien ist jener Teil Südamerikas, der unterhalb des 42. Breitengrades und nördlich von Feuerland liegt. Es umfasst ein Gebiet so groß wie Europa und ist nur dünn besiedelt. Zwei Einwohner je Quadratkilometer, in manchen Regionen wie in Santa Cruz (Argentinien) gar nur ein Einwohner je Quadratkilometer.

Chile und Argentinien teilen sich dieses Naturparadies. Die Anden bilden die natürliche Grenze zwischen Westpatagonien (Chile) und Ostpatagonien (Argentinien). Der Gebirgszug der Anden ist zugleich die Klimagrenze zwischen beiden Patagonien. Kühl und nass in Ostpatagonien, das im Regenschatten der Anden gelegene Westpatagonien ist hingegen staubtrocken. Charakteristisch für ganz Patagonien ist der Wind, der oft tagelang als Sturm über Berge und Täler hinwegbraust.

Zwei Straßen führen hinein in die einzigartige Landschaft Patagoniens – zwei Straßen ebenso spektakulär und herausfordernd für den Autofahrer. Die Ruta Cuarenta, die Route 40 auf argentinischer Seite und die Carretera Austral in Chile, die in Puerto Montt, dort wo die Panamerican endet, ihren Ausgang nimmt.

Vor allem die Route 40 bietet den ultimativen Trip über unbefestigte Schotterstraßen, wo es über 100e Kilometer keine Ansiedlung, kein Haus, keine Tankstelle gibt. Wer hier mit einer Panne stehen bleibt, der steht oft stundenlang bis eine Staubwolke am Horizont das Nahen des nächsten Autos ankündet. Da es keinen Pannendienst gibt, verlangt ein ungeschriebenes Gesetz anzuhalten und zu helfen, wenn ein Fahrzeug liegen geblieben ist.

Auf diesen beiden Straßen wagen wir (= Claudia, Sohn Jakob und ich) uns mit einem japanischen Geländewagen hinein ins Abenteuer Patagonien. Wir besuchen die spektakuläre Gebirgswelt des Torres del Paine Nationalparks an der chilenisch-argentinischen Grenze. Bis zu 3000 Meter hohe Granitgipfel ragen in den Himmel. Mächtige Gletscherzungen schieben sich zwischen den Bergen zu Tal und kalben in türkisblauen Schmelzwasserseen.

Der Nationalpark Los Glaciares auf argentinischer Seite begeistert durch den einzigen, weltweit noch wachsenden Gletscher, der immer wieder durch spektakuläre Abbrüche von sich reden macht: der Perito Moreno Gletscher.

Unser Abenteuer führt uns zu riesige, türkisblaue Schmelzwasserseen, wir bestaunen Fjorde, Gletscher und verlieren uns in riesigen Wäldern. Sie sind Heimat für zahlreiche Tiere: Guanokos, Nandus, Flamingos. Hoch im Himmel zieht der Condor seine Kreise.

Wir tauchen in riesige Ebenen ein, Luftspiegelungen am Horizont werden zu Zielpunkten. Die Begegnung mit Leere und Stille ist ebenso beeindruckend wie die zerklüfteten, schneebedeckten Gipfel, die unberührten Flüsse und staubigen Oasen, die für den einzigartigen Reiz Patagoniens stehen.

Wir besuchen die Touristenmetropole El Calafate, das Kitzbühel von Argentinien und die jüngste Stadt Argentiniens, El Chaltén, ein Eldorado für Bergsteiger. Hier locken mit dem Fitz Roy und Cerro Torre die schwierigsten Kletterberge der Erde.

Wir besuchen Punta Arenas, die südlichste Stadt Chiles und Bastion für alle Südpolabenteurer. Von der Kälte geht’s in die Wärme nach Pucon, am Fuße des noch immer aktiven Villarica Vulkans. Einstmals Treffpunkt für die Reichen und Schönen gilt Pucon heute als Queenstown von Südamerika – Adrenalinjunkies frönen hier ihren Hobbies: Bergsteigen, Fallschirmspringen, Vulkanbesteigungen, Canoying, Hydrospeed, Rafting, Trekking in unberührte Wälder und auf einsame Berggipfel.

Während Claudia und Jakob unbeschwerte Sonnentage am schwarzen Sandstrand von Pucon genießen, Jakob seine ersten eigenständigen Fahrten mit Kinderquads und Kindermotorrädern unternimmt, besteige ich den Vulkan Villarica und erfahre den Nervenkitzel Hydrospeed auf einer 14 Kilometer langen Wildwasserstrecke.

Nach vier Wochen in rauer Natur, weit weg von Internet und ständiger Mobilfunkverbindung, oftmals auf uns alleine gestellt und unseren Instinkten vertrauend, steigen wir am 31. Dezember in den Flieger, der uns zurück nach Österreich bringen wird. Mit im Gepäck die Gewissheit, dass wir wiederkehren werden – dorthin, wo keine Menschenmassen, keine Massenmedien, kein Internet die Muße der eigenen Gedanken stören.

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